Fragen an eine „unjüdische Jüdin“

Der Eiserne Kanzler Bismarck sprach einst von den schwierigen Deutschen, Conrad Adenauer soll einmal gesagt haben, er hätte die Deutschen nicht gern als Nachbarn. Liegen Ihnen die Deutschen?

H. R . Es gibt nicht „die Deutschen“ und  „die Juden“. „Ich habe einen kleinen Schalter, mit dem ich die Kamera sozusagen umdrehe und auf die Deutschen richte.“ Es gibt keine Pauschalurteile. Ich mag keine Pauschalisierungen!

Wie  erinnert eine Nachfahrin von Opfern der Naziverfolgung die NS-Verbrechen an den Juden und haben Sie den Großvater dafür erfunden?

H.R. Ich rezipiere. Als Kulturjournalistin bin ich „oft ausgespuckt, weil frech und nicht angepasst. Ich habe ein rebellisches familiäres Gen dafür geerbt.“ Und der Großvater ist echt, ich „erfinde“ ihn, weil ich nicht viel von ihm wusste und erst sehr spät von seinem persönlichen Schicksal als Jude erfahren habe.

Unterhalten sie sich dafür mit dem Juden Heine?

H.R. Heine hat sich mit dem Thema Judentum sehr viel und sehr lange rumgeschlagen – übrigens in hervorragender Sprache. Er hat sehr deutlich Stellung bezogen, hat sich vorgestellt, dass man die Juden mal lieben könnte und immer versucht selbst rauszukommen aus dem Makel „Judentum“.

Welche neue Brisanz hat  für Sie die wiedervereinigte deutsche Identität?

H.R. Den Begriff Identität mag ich überhaupt nicht: “Ich habe heute die Stärke und Reife mit Widersprüchen umgehen zu können. Ich denke heute auch in ganz anderem Kontext und jenseits von fertigen Bausteinen als in den 80gern.“ Das neue deutsche Selbstbewußtsein birgt eine ungeheure Brisanz und es ist sehr heikel mit dem Thema umzugehen. Alte Gespenster tauchen da auf. „Aber ich bin sehr hellhörig! Das Wort „Zusammengehören“ wie zu den mitgenommenen DDR-lern hat man zu Juden beispielsweise nie gesagt.“

Sie setzen zwischen die so unterschiedlichen und doch bipolar gebrauchten Begriffe Juden und Deutsche die Narren (Eulenspiegel bis Schlemihl). Als eine Brücke, ein Vehikel zur „Versöhnung“?

H.R. Das ist ein „dialektischer Dreh“. Narren sind gefährdete Außenseiter. Sie stehen zwischen zwei Seiten, zwischen Humor und Risiko und müssen besser balanzieren. Narren sind einfach gegen den Stock im Rücken. Aber sie wollen beiderseits nicht größer und nicht besser sein!

„Die Beschäftigung mit Antisemitismus kann bruchlos in den Kampf gegen Islamophobie übergehen“ - manchmal spielerisch, manchmal respektlos bisweilen bissig ( „modernes Volkerschlachtdenkmal“ gebaut von „Gedenkvorzugsschülern“ ) setzen Sie sich mit neuen Begriffen auseinander. Wie wird die Vergangenheit für Sie neu geordnet?

H.R. Als ich mit 18 Jahren in die USA kam und ein Plakat sah, das mit Juden Reklame für Brot machte, war ich entsetzt. Aber Juden in den USA – das ist etwas ganz anderes. Sie sind eine große Gruppe in einem ganz anderen Kontext. Inzwischen sehe ich das viel lockerer. In Deutschland sieht das etwas anders aus und sie zitiert Erich Kästner: (Kennst Du das Land wo die Kanonen blühen?)

    Die Kinder kommen dort mit kleinen Sporen
    und mit gezogenen Scheitel auf die Welt.

Statt „Wende“ nenne ich die Vereinigung Deutschlands gerne eine „Halse“.

In den vergangenen Jahren war ich manchmal die „Hofnärrin“,  z.B. als ich die Öffentlichkeitsarbeit an der Akademie für die Preußenausstellung gemacht habe; oder ich war der „Legitimationsjude“ in der Stellung als Sozialpädagogin an der Universität. Da gibt es eine fatale Tendenz in der deutschen Kulturgeschichte!

Mit der  Clownsausbildung versuche ich für mich persönlich ein Gegengewicht zu schaffen. Ich bin nachdenklich, intellektuell und politisch  unterwegs und ich habe oft die rote Nase dabei. Mit dem Clown habe ich eine Gegenfigur, mit der ich mein Selbstbewusstsein aufbauen kann.

Sie widmen das Buch Ihrem Sohn, „der andere Erfahrungen macht“.  Wird er sich noch gegen die „Boxen“ erwehren müssen, in die Sie sich gesteckt  fühlen und gegen die Sie sich erwehren?

H.R. Ich bin eine „Wörtlerin“. Ich finde es schwierig, treffende Begriffe zu finden. Zum Beispiel ist Auschwitz viel konkreter als der schwammige Holocaust. Die Boxen für meinen Sohn sind Apple, Word oder Opensource. Er denkt in anderen Kategorien und hat ein anderes Empfinden. So hat er mit 12 Jahren seine Bar Mizwa gemacht ohne tatsächlich religiös zu sein.

Wieviel  Rosenstrauch vertragen die Deutschen?

H.R. 0,000002 % ?

„Juden Narren Deutsche. Essays“, erschienen im persona Verlag August 2010,
157 Seiten, Hardcover, Preis: 14,80 EUR / 25,60 SFr (www.personaverlag.de)

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