Förderitis – eine neue Epidemie?

„Deutschlands Eltern sind im Förderfieber. Es gilt, dem kostbaren Nachwuchs die bestmöglichen Startbedingungen fürs Leben zu verschaffen. Baby-Yoga, Fechten, Klangschalenmassage, Voltigieren, Ballett, Cellospielen – die schier unendlichen Fördermöglichkeiten werden von engagierten Eltern emsig genutzt,“ sagt Corinna Knauff, Diplom-Heilpädagogin und freie Autorin. „Das Phänomen greift epidemisch um sich. Kein Ende in Sicht. Vor allem kein gutes.“

Denn tatsächlich ist der Förderrummel hauptsächlich eins: der Ausdruck einer handfesten Vertrauenskrise in der Erziehung. Die Ursachen dafür, dass im Grunde vernünftige Eltern ihre Nachkommen von Pontius zu Pilates kutschieren, liegen tiefer. Wer bereit ist, sehr viel Geld und sehr viel Lebenszeit für die scheinbar beste Förderung seines Kindes zu opfern, tut das nicht aus reinster Liebe zum Kind, sondern ist in Nöten.

Von Förderitis betroffene Eltern stehen unter einem enormen Leistungsdruck. Beeinflusst von den allgegenwärtigen Einflüssen einer Leistungs- und Mediengesellschaft stellen sie sehr hohe Ansprüche an sich selbst, mit der damit verbundenen Angst zu versagen. Ihr Bild von Elternschaft ist geprägt von einem stilisierten, verklärten Elternbild, das in Werbung, Filmen und Zeitschriften verbreitet wird, und einer überbordenden Informationsflut zum Thema Kind und Familie. An Ratgeberliteratur und den ständig neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zur emotionalen, geistigen und körperlichen Entwicklung von Kindern kommt heute niemand vorbei.  „Propagiert werden nur „liebe“ Werte wie Fürsorge und Schutz. Der Wert des Zumutens und (Los-)Lassens – die „harte“ Seite der Erziehung – spielt in der öffentlichen Darstellung von Elternschaft im Grunde keine Rolle,“ so Knauff. „ Überdies suggeriert die Wissensvermittlung am laufenden Band, die Entwicklung von Kindern ließe sich mit dem rechten Mittel gezielt steuern und kontrollieren. So kommt es, dass viele Eltern ein enges, formalistisches Verständnis von Erziehung entwickelt haben, das unausgesprochene aber strenge Regeln nach sich zieht. Sechsjährige, die beim Fahrradfahren keine Helme, aber einen Haustürschlüssel um den Hals tragen, statt Chinesisch zu lernen, kleine Knirpse, die unbeobachtet Regenwürmer ausbuddeln und verschlucken statt musikalische Früherziehung zu genießen, hatten früher normale Eltern, heute vernachlässigende. Nie lief man als Eltern so schnell Gefahr, Fehler zu machen wie heute – soziale Schelte inklusive.“

Wer seinen Kindern die besten Startbedingungen fürs Leben ermöglichen will, muss ihnen die Möglichkeit geben, eigenständige Erfahrungen zu machen – auch wenn das mit Risiken einhergeht. Kinder brauchen Freiräume und Grenzerfahrungen, um ihre inneren Fähigkeiten, Stärken und Kompetenzen zu entdecken. Wer aus eigener Kraft eine schwierige Situation meistert, kann sich seiner selbst sicher sein. Das macht echtes Selbstwertgefühl aus. „Kinder von heute brauchen Eltern, die dem Druck in unserer Gesellschaft standhalten, eigene Ängste reflektieren und aushalten, Vertrauen in ihre individuellen Qualitäten als Eltern und Vertrauen in die Entwicklung ihres Kindes setzen. Wer seine Kinder zu erfolgreichen, weil stabilen, kritischen und unabhängigen Persönlichkeiten erziehen möchte, muss sie nicht intensiv fördern. Er muss sich nur trauen, eigene Wege zu gehen. Das beste Heilmittel gegen Förderitis ist der Mut zum Unperfekten, der Mut zum Fehler.“

 

Spielen macht schlau

„Spielen ist mehr als Lernen,“ sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. André Frank Zimpel. Er fordert von den Eltern mehr Mut zur Gelassenheit: „Das ernsthafte und konzentrierte Spielen steuert grundlegend die Entwicklung eines Kindes. Entgegen der gängigen Vorstellung liege das Potenzial der Kinder beim Spielen, Toben und Träumen nicht brach.  „Vielmehr bilden Kinder freiwillig und spielerisch dabei wichtige Fähigkeiten wie Abstraktionsvermögen, Fantasie, Selbstbewusstsein, Frustrationskompetenz und Kooperationsfähigkeit aus.“

Im Spiel sind Kinder einen Kopf größer. Sie verfügen über Fähigkeiten, um die sie Erwachsene beneiden. Dabei entwickeln sie ihre Fantasie: Äste dienen ihnen als Laserschwerter, Sand kredenzen sie als leckere Speise, Blumenkränze tragen sie wie die diamantenbesetzte Krone einer verwunschenen Feenprinzessin. Fragt man sie danach, zeigt sich, dass ihnen vollkommen klar ist, dass die gespielte Feenprinzessin nicht wirklich verwunschen ist.

Als-ob-Spiele fördern das abstrakte Denken. Ohne diese Einbildungskraft wären den Heranwachsenden später Zukunftsplanung, Vergangenheitsbewältigung, Rollenverständnis, Perspektivwechsel und Regelbewusstsein unmöglich. Aber auch andere wichtige Kompetenzen entwickeln sich im Spiel. Beispiele: Selbststeuerung, Konzentrationsvermögen, Impulskontrolle, Frustrationstoleranz, Einfühlungsvermögen, Selbstverantwortung und Folgenabschätzung. Das alles sind sogenannte Metakompetenzen, man nennt sie auch exekutive Frontalhirnfunktionen. Es gibt tatsächlich eine auffällige zeitliche Übereinstimmung zwischen Gehirn- und Spielentwicklung. Das Stirnhirn des Menschen vergrößert sich schubweise: einmal bis zum vierten Lebensjahr und noch einmal zwischen dem siebenten und achten Lebensjahr. In diesen Altersstufen finden auch die Übergänge zwischen Sujet- und Rollenspiel (circa 2–4 Jahre) und Rollen- und Regelspiel (circa 5–7 Jahre) statt.

Ein wichtiger Schlüssel zum besseren Verständnis der Funktionsweise des Gehirns beim Lernen ist die neurobiologische Erkenntnis, dass nur Spaß die Nachhaltigkeit des Lernens gewährleistet. Wenn wir uns an Gelerntes erinnern, erinnern wir uns auch immer an die Emotion, die das Lernen begleitete. Unter Angst Gelerntes erinnert und wiederholt man deshalb weniger gern.

Spielen macht schlau, weil es die Freude an der Wiederholung des Gelernten fördert. Es bedarf ungefähr 10 Jahre stetiger Wiederholungen, um auf irgendeinem Gebiet – zum Beispiel Schach, Musik, Sport, Rechnen usw. – eine hohe Meisterschaft zu erlangen. Ohne die intrinsische Motivation des Spiels wäre das eine einzige Quälerei.

 

Auch Langeweile ist wichtig

Gegen eine weitgehend verplante Kindheit spricht sich auch der Familien- und Kommunikationsberater Dr. Jan-Uwe Rogge aus: „Kinder brauchen Zeit, die sie selbst gestalten können. Dazu gehört auch, dass sie lernen, mit Langeweile umzugehen.“ Langeweile sei ein Signal des Körpers, das den Menschen anspornt, immer wieder etwas Neues zu entdecken und auszuprobieren. „Sie regt die Fantasie an und fördert den Impuls, kreativ zu werden. Eltern, die jede Langeweilephase unterbrechen oder gar zu unterbinden versuchen, nehmen Kindern diese Erfahrung“, sagt Rogge.

 

Aktive Kinder sind starke Kinder

„Bewegung – klettern, springen, rollen und rennen  – gehört für Kinder zum Entdecken ihres Daseins, das sie mit viel Spaß und kreativ über ihre Sinne formen – doch immer anders,“ sagt Prof. Dr. Alexander Woll vom Karlsruher Institut für Technologie, Institut für Sport und Sportwissenschaft, und läßt die Teilnehmer des Workshopsgleich kleine und sehr entspannende Übungen absolvieren.

„Kindheit ist eine Momentaufnahme, abhängig von den jeweiligen gesellschaftspolitischen Bedingungen. Diverse Verlockungen, wie frühzeitige sportliche Erfolge, ein durchgestylter Wochenplan, das üppige Ernährungsangebot oder ein für viele möglicher Medienkonsum bleiben nicht ohne Folgen. Kinder werden häufig wie kleine Erwachsene behandelt und zeigen die gleichen Symptome wie diese: Sie verbringen die Freizeit überwiegend sitzend, zum Beispiel vor dem Fernseher und Computer, sie essen so wie ihre Eltern – die Folgen sind auch bei Kindern Übergewicht oder Adipositas. Immer häufiger erkranken bereits Kinder an lebensstilbedingten Krankheiten, wie etwa Diabetes mellitus Typ 2.“

Körperliche Aktivität wird im Sinne der WHO (2002) als zentraler Baustein eines gesunden Lebensstils bei Kindern und Erwachsenen betrachtet. Studien weisen allerdings darauf hin, dass sich das Maß von körperlicher Aktivität verändert und die körperliche Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen kontinuierlich abnimmt. Dies wissenschaftlich zu belegen, ist  ein wichtiges Ziel des Motorik-Moduls (MoMo), ein Modul des bundesweiten Kinder-und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) des Robert Koch-Instituts in Berlin (www.motorik-modul.de).

Seit 2003 und wahrscheinlich bis 2021 werden im Rahmen des Motorik-Moduls bundesweit 4.529 Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 17 Jahren umfassend hinsichtlich ihrer motorischen Leistungsfähigkeit getestet und zu ihrer körperlich-sportlichen Aktivität befragt. Damit liegt erstmals eine bundesweit repräsentative Stichprobe zur gesundheitlichen und motorischen Entwicklung sowie zu Veränderungen des körperlichen Aktivitätsverhaltens von Kindern und Jugendlichen vor. Diese Studie zeigt, dass bei den 4- bis 5-jährigen Kindern noch zwei Drittel mindestens eine Stunde pro Tag aktiv sind, wie von der WHO empfohlen. Bei den 6- bis 10-Jährigen sind es noch 50 Prozent und bei den 14- bis 17-Jährigen weniger als ein Drittel.

„Betrachtet man die Entwicklung der körperlichen Leistungsfähigkeit, lässt sich im Zeitraum von 1976 bis 2006 für Kinder und Jugendliche ein Rückgang um ca. 10 Prozent feststellen,“ so Woll. „Beispielsweise können 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen nicht mehr zwei oder mehr Schritte auf einem drei Zentimeter breiten Balken rückwärts balancieren. Die Varianz zwischen den Kindern nimmt jedoch zu: Es gibt gleichzeitig mehr motorisch gute Kinder und motorisch auffällige Kinder. Die Schere zwischen den motorisch guten und motorisch schlechten Kindern geht offensichtlich weiter auseinander. Dies ist eine Entwicklung, die wir auch in vielen anderen Bildungsbereichen beobachten können.“

Eine gute Motorik ist offensichtlich auch eine wichtige Gesundheitsressource. Übergewichtige Kinder erbringen deutlich schlechtere Werte bei Kraft, Ausdauer- und Koordinationsleistungen als normalgewichtige Kinder.  Mehr Bewegung führt zum Aufbau von körperlichen, kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen. Bewegungsförderung ist also kein Selbstzweck sondern lebenswichtig für alle Kinder!

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