Naturschutz als Lebensphilosophie

Frau Sielmann, gemeinsam mit Ihrem Mann, dem Naturfilmer Heinz Sielmann, haben Sie sich in Ihrem Leben ganz dem Schutz von bedrohten Arten und deren Lebensräumen gewidmet. Welche Motivation steckt dahinter?

Mein Mann wollte den Menschen die Vielfalt der Fauna und Flora, nicht nur der bedrohten Arten, auf allen Kontinenten vermitteln, im Sinne unseres späteren Stiftungsleitsatzes „Naturschutz als positive Lebensphilosophie“.

Dabei sollen ja auch „Sielmanns Naturlandschaften“ helfen.

Was wird dort geleistet?

Es gibt drei „Sielmanns Naturlandschaften“: Die Döberitzer Heide, Wanninchen (Bergbaufolgelandschaft) und die Groß Schauener Seen. Jede stellt für sich ein Kleinod für Tier, Pflanze und Mensch dar. Hier leisten wir unseren Beitrag, damit gefährdete Tier- und Pflanzenarten auf Dauer einen Lebensraum finden. Darüber hinaus gibt es „Sielmanns Biotopverbunde“ – in der Region Harz/Eichsfeld/Werratal und am Bodensee.

1994 haben Sie mit Ihrem Mann die Heinz-Sielmann- Stiftung gegründet. Welche Ziele haben Sie sich damit gesetzt?

Die Stiftung hat vier große Ziele: Erstens wollen wir Menschen, vor allem Kinder und Jugendliche, durch persönliches Erleben an einen positiven Umgang mit der Natur heranführen. Zweitens gilt es, letzte Refugien für seltene Tier- und Pflanzenarten zu erhalten. Außerdem muss die Öffentlichkeit für die Natur und deren Schutz sensibilisiert werden, und schließlich wird das Heinz-Sielmann-Archiv des Naturfilms aufgebaut.

Welche Wege geht Ihre Stiftung bei der Förderung von Biotop- und Artenschutz in den Regionen?

Wir suchen zunächst nach Lösungen, mit denen wir gefährdete Arten oder Lebensräume vor Ort erhalten können. Dann suchen wir die Partnerschaft mit der Region, denn ohne Akzeptanz ist Naturschutz nicht machbar. Grundsätzlich streben wir immer individuelle Problemlösungen an, die die besonderen Verhältnisse der jeweiligen Region berücksichtigen.

Welches sind für Sie herausragende Erfolge zum 15-jährigen Bestehen der Stiftung im vergangenen Jahr?

Die Höhepunkte unserer Stiftungsarbeit sind sicherlich „Sielmanns Naturlandschaften“. Zusammen sind es fast 8000 Hektar Naturschutzfläche, die wir mit der Hilfe vieler Spender langfristig sichern konnten. In der Döberitzer Heide werden wir Anfang Mai die Wildniskernzone, einen umfriedeten Bereich von fast 2000 Hektar, einweihen und hier Wisente, Przewalski-Pferde und Rothirsche einsetzen. Diese Tierarten stellen Schlüsselfaktoren im ökologischen Geschehen dar: Sie verhindern durch ihr Verhalten die Zunahme der Bewaldung der Heide und erhalten so den enormen Artenreichtum der halboffenen Landschaft. Der Bau der Umfriedung von über 20 Kilometern war eine große Herausforderung, und wir werden dann einen ganz wichtigen Projektbaustein vollendet haben. In Wanninchen feiern wir dieses Jahr ein Jubiläum: Seit zehn Jahren engagieren wir uns für diese Landschaft, damit die Natur die durch den Bergbau geschlagenen Wunden heilen kann. Die Wiederkehr vieler seltener Arten, wie Wiedehopf oder Raubwürger, die hier brüten, und von über 6000 Kranichen, die hier jährlich rasten, ist uns Bestätigung, dass wir mit unserem Engagement richtig liegen. Genauso wichtig wie die Naturlandschaften ist auch der Biotopverbund Bodensee, weil wir hier auf großer Fläche Naturschutz in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft betreiben. Und mit dem vom Bundesamt für Naturschutz geförderten Naturschutzgroßprojekt „Grünes Band Eichsfeld-Werratal“ über drei Bundesländergrenzen hinweg nimmt eine Vision meines Mannes konkret Gestalt an, nämlich die eines Nationalparks entlang der Grenze, die einst Deutschland geteilt hat. Als großen Erfolg möchte ich aber auch Folgendes nennen: Durch unsere Arbeit haben wir vielen Menschen bewusst gemacht, wie wichtig gerade heute der Schutz unserer Natur und unserer Umwelt ist. Dieses Bewußtsein ist von unschätzbarem Wert. Denn nur, wenn Naturschutz Akzeptanz findet, kann er langfristig Erfolg haben.

Warum organisieren Sie mit Ihrer Stiftung besonders auch Programme für Kinder und Jugendliche?

Mit unserer Arbeit möchten wir Kinder und Jugendliche stärker für ihre Umwelt sensibilisieren und sie dadurch zu einem verantwortungs- und respektvollen Umgang mit der Natur ermutigen. Natur soll wieder stärker zum Lebensalltag der Kinder gehören. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist das persönliche Erleben und Erfahren der natürlichen Umgebung. Das bewusste Naturerlebnis ist ein wichtiger Baustein der Umweltbildung. Expeditionen ins Reich der Pflanzen und der Tiere, in Wald, Wiese und auf dem Wasser zeigen die Vielfalt der Arten und Lebensräume und damit die Reichhaltigkeit der Natur. Das bewusste Naturerleben wirkt sich nachweislich positiv auf das spätere Umweltverhalten aus und besitzt eine höhere Bedeutung als das reine Umweltwissen allein. Unser ganzheitlicher Bildungsansatz verknüpft daher gezielt die Wissensvermittlung mit positiver Naturerfahrung. Und letztlich ist dies auch ein wichtiger Beitrag zur Persönlichkeitsbildung.

Welches werden die nächsten Schritte auf diesem Weg sein?

In den kommenden Jahren gilt es zunächst, die bisherigen Erfolge unserer Arbeit zu sichern. Der Erhalt und die Pflege  der von uns erworbenen großen Naturschutzflächen müssen auch in Zukunft gewährleistet sein. Dies fordert unser fortgesetztes Engagement und muss auch finanziell getragen werden. Daneben wollen wir „Sielmanns Naturlandschaften“ durch den Ausbau von Umweltbildung und naturnahen touristischen Angeboten für die Menschen noch mehr erlebbar machen. Dies gilt in besonderer Weise für die in der Nähe der Millionenstadt Berlin gelegenen Gebiete. Auch hierzu sind erhebliche Anstrengungen und Investitionen nötig. Und schließlich wird sich die Heinz-Sielmann-Stiftung in Zukunft auch wieder mehr öffentlich zu Wort melden, indem wir dem Umwelt- und Naturschutz durch geeignete Aktionen und Kampagnen Gehör verschaffen.

Wie würden Sie heute Ihre Vision für die Zukunft des Naturschutzes in Deutschland formulieren?

Der Naturschutz in Deutschland muss zu einem selbstverständlichen Teil unserer Daseinsfürsorge werden, seine Bedeutung für unser Leben und Wirtschaften muss sich im täglichen Handeln widerspiegeln. Dies muss für jeden Einzelnen – Alt wie Jung – gleichermaßen gelten wie für den Staat und jedes Wirtschaftsunternehmen. Nur dann wird es gelingen, dass die Roten Listen der vom Aussterben bedrohten Arten nicht immer länger werden, sondern wir die Natur und damit die natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen nachhaltig sichern können.

Die Fragen stellte Helga E. Frankenstein

ZOÓN: JAHR DER BIODIVERSITÄT Naturschutz als Lebensphilosophie

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